Spiegel

Wer ist das? Ich meine die Person im Spiegel. Sie sieht mich an und ich frage mich, wer sie ist. Ich weiß, wie alt sie ist, welche Schuhgröße sie trägt und was sie mag, aber trotzdem kenne ich sie nicht. Ich kann oft nicht einmal ihre Handlungen verraussehen oder abschätzen, wie sie reagieren wird. Sie ist für mich ein fremder Mensch. Ein Mensch, den und dessen Geschichte ich besser kenne, als alles andere, aber dennoch ein Rätsel für mich. Wozu ist sie hier?, frage ich mich. Was hat sie vor?

Der Blick in den Spiegel ruft bei vielen Menschen unterschiedliche Reaktionen hervor. Einige schlagen sich die Hände vor das Gesicht und fangen an zu jammern, wie scheiße sie aussehen. Andere mustern sich kurz und wenden sich dann zufrieden ab und dritte sehen hin und sehen wieder weg. Es kümmert sie nicht, was sie sehen und vielleicht ist das genau richtig. Möglicherweise sehen sie nicht das Gesicht. Nicht den hübschen Mund, die strahlenden Augen oder die zierliche Nase. Vielleicht sehen sie den Menschen und nicht nur sein Gesicht und vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass sie wissen, wer dieser Mensch ist.

1 Kommentar 24.7.06 10:53, kommentieren

Briefe schreiben

Ich glaube, ich bin die schlechteste Brieffreundin der Welt. Ich habe keinen Plan warum, aber ich bin absolut unfähig Briefe zu schreiben. Ich weiß auch nicht, wie ich da grad drauf komm, ist mir so eingefallen.

Jedenfalls hatte ich schon mehrere Brieffreunde. Freundinnen eigentlich. Mädchen, mit denen ich befreundet war, die dann wegzogen oder welche, die ich im Urlaub kennen gelernt hab. Aber das hat nie lange gehalten. Andrea zum Beispiel. Sie war bis zur dritten Klasse an meiner Schule und bevor sie weggezogen ist, haben wir Adressen ausgetauscht. Ich glaube, wir haben auch eine ganze Weile geschrieben. Aber es waren sehr kurze Briefe, eigentlich nur kurze Berichte, was im Moment vor sich ging. "Wie geht es dir? Mir geht es gut." Dann noch eine kurze Frage nach dem Befinden des jeweiligen Haustiers (Meerschweinchen Flipsi und Hamster Pfiffi) und zu guter Letzt ein "Schreib bald wieder" und "Deine Janna" bzw. "Andrea". Später hat sich meine Kreativität bei Briefen noch weiter zurückgebildet und die Texte entsprachen immer weniger meinem Alter. Ich bewundere Bianca, deren Briefe immer mindestens 5 Seiten (doppelseitig, versteht sich) lang sind. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich mit ihr schreiben würde, aber wir wohnen ja im selben Kaff.

In Filmen und Bücher sind die Briefe immer perfekt. Sie erzählen von Gefühlen und Begebenheiten und geben dem Leser das Gefühl dabei zu sein. Solche Briefe möchte ich auch schreiben können. Vor allem möchte ich etwas haben, wovon ich schreiben kann. Aber solange begnüge ich mich wohl noch mit MSN, ICQ, E-mails, SMS, Telefonen und diesem Blog. Vielleicht lerne ich es ja noch...

2 Kommentare 23.7.06 23:06, kommentieren

Wie im Kino

Immer wieder kreuzen sich ihre Blicke. Verlegen senkt sie den Kopf. Nur um wenig später wieder nach seinen Augen zu suchen. Diesen warmen, freundlichen Augen, in deren Blicken sie sich so geborgen fühlt. Sie können sogar lächeln, diese Augen.

Doch als sie das nächste Mal aufsieht, sind die Augen nicht mehr da, wo sie waren. Panisch sucht sie nach ihnen. Diesem so vertrauten Blick.

"Hallo!", sagt eine warme Stimme neben ihr. Genauso warm, wie die Augen. Schüchtern lächelt sie, als sich ihre Blicke wieder treffen.

"Hallo!" Mehr kann sie nicht sagen. Ihr fällt nichts ein. Als wäre ihr Kopf leergepustet.

"Ich heiße Chris", sagt die warme Stimme irgendwann. "Und du?"

"Amelie."

"Ein schöner Name. Wie in dem Film", meint er. Sie lächelt.

"Ja. Wie in dem Film." Verlegen senkt sie den Blick wieder. Der Tisch wurde nach dem letzten Gast nicht abgewischt. Neben ihrem Teller sieht sie einen Fleck Ketchup. Sie hat keinen Ketchup gegessen.

"Darf ich mich setzen?", fragt die Stimme. Sie nickt. Natürlich. Warum auch nicht. Er zieht den Stuhl zu sich heran. Ein helles Knirschen. "Bist du oft hier?", will er wissen. Sie schüttelt den Kopf. Nein. Nicht oft. Manchmal. "Entschuldige!", sagt er. "Ich störe dich bestimmt. Das tut mir leid. Ich sollte dann wohl besser wieder gehen!"

Entsetzt blickt sie auf. "Nein!", schreit sie fast. "Ich meine", sie errötet, "du kannst gerne bleiben. Das stört mich nicht. Ich... ich fände es sogar schön."

Er lächelt. "Okay. Dann bleibe ich. Möchtest du vielleicht einen Kaffee?", fragt er. Sie nickt. Warum auch nicht. "Ich bin gleich wieder da", sagt er und verschwindet zum Tresen.

Sie versucht noch ein wenig in ihrem Buch zu lesen, bis er wiederkommt. Aber es geht nicht. Die Buchstaben bilden immer nur ein Wort. Chris. Manchmal steht da auch etwas anderes. Chris und Amelie. Immer wieder. Sie lächelt. Eine schöne Vorstellung.

Vorsichtig stellt er die Becher auf den Tisch. "Ganz schon viel los hier", bemerkt er. Sie nickt. Immer wieder treffen sich ihre Blicke. Lassen einander kaum noch los. Um sie herum ist alles still. Wie im Kino. Wenn die Liebenden sich finden, sehen alle anderen nur noch verzückt zu. Lauschen ihren schüchternen Worten – nicht mehr lange, dann sind sie zusammen – und lächeln.

Aber es lächelt keiner. Alle sind mit sich selbst beschäftigt. Aber sonst ist alles so wie im Kino.

23.7.06 14:11, kommentieren

Liebe ist

Langsam gehe ich die Shoppingpassage entlang. In jedem Geschäft kann man zur Zeit herzförmige Schlüsselanhänger, Kissen, Bilderrahmen und Magneten für die Pinnwand kaufen. Die Verkaufstische quellen über von roten Artikeln mit Schriftzügen, wie "I love you" oder "Ich liebe dich, mein Schatz". Traurig nehme ich eines dieser Herzen in die Hand und betrachte es. Nur 1,99€ soll es kosten, aber die große Liebe beweisen. Ich schüttle den Kopf. Alex hat mir so etwas nie geschenkt, das hatten wir nicht nötig. Ich werfe das Herz wieder auf den Haufen und verlasse fluchtartig das Geschäft. Mädchen, noch ohne Freund, spielen verträumt mit den Plüschbären und wünschen sich, dieses Jahr eine Karte oder ein Geschenk von einem heimlichen Verehrer zu bekommen, Männer laufen mit genervten Gesichtsausdruck von einem Geschäft ins nächste, um ein passendes Geschenk für ihre Freundin oder Frau zu finden. Beinahe fassungslos sehe ich dem Theater zu. Warum soll man sich an nur einem Tag im Jahr seine Liebe beweisen? Wer wirklich liebt, der zeigt das jeden einzelnen verdammten Tag im Jahr, schimpfe ich in mich hinein und merke, wie ich dies alles hier nicht mehr ertrage. Ich verlasse die Shoppingpassage und atme erst einmal tief durch, als ich auf der winterlichen Straße stehe.

Eine Parfümerie macht mich auch hier darauf aufmerksam, dass morgen bereits Valentinstag ist. Genervt wende ich mich ab. Allerdings schaffe ich es nicht an dem Blumenladen vorbeizugehen und betrete den kleinen Raum.

"Haben Sie Lilien?", frage ich die Verkäuferin hinter dem Tresen. Sie nickt, schaut mich aber verwundert an. Warum ich wohl keine Rosen will, fragt sie sich bestimmt, sagt jedoch weiter nichts. Nennt mir nur den Preis für die Blumen. Ich zahle und verlasse den Laden. Verwundert, weil ich nicht weiß, woher sie in dieser Jahreszeit Lilien nimmt.

Ich verlasse das bunte Treiben der Innenstadt durch eine kleine Seitengasse. Ich bin auf den Weg zum Friedhof, Alex besuchen, und mit ihm unsere Liebe feiern. Einen Tag zu früh und mit den falschen Blumen, aber das beweist, dass wir wissen, was Liebe ist.

1 Kommentar 23.7.06 14:10, kommentieren

Money, money, money

"Ich werde ihn heiraten!", sagt sie bestimmt. "Und jetzt hilf mir mal mit dem Reißverschluss!" Resigniert schüttele ich den Kopf.

"Dass du auch immer Recht behalten musst. Ich weiß doch, dass du ihn nicht liebst!"

"Du meinst, ich liebe ihn nicht? Dann weißt du nicht, was Liebe ist!", fährt sie mich wütend an. Und das bringt das Fass zum Überlaufen.

"Doch, Lilian, ich weiß genau was Liebe ist, und ich weiß auch, dass es nichts mit Geld und dicken Autos zu tun hat! Ich hätte echt nicht gedacht, dass du so billig bist!", schreie ich sie an und stürme aus dem kleinen Zimmer. Sofort ist unsere Mutter bei mir.

"Was ist los, Karen? Was ist passiert?", fragt sie besorgt.

"Nichts Besonderes, deine Tochter sieht nur nicht ein, dass sie Mark nicht heiraten sollte!", zische ich und starre wütend aus dem Fenster.

"Aber... aber wieso den nicht? Was hat er denn getan? Hat er sie etwa betrogen?", will sie wissen und ist langsam beunruhigt.

"Nein, mit ihm ist alles okay, aber unsere süße Lilian nutzt ihn nur aus, sie liebt ihn überhaupt nicht!", schreie ich beinahe.

"Ach, Liebes, das ist doch Blödsinn! Natürlich liebt sie ihn! Was du auch immer denkst. Warum würde sie ihn denn sonst heiraten?", meint sie beruhigt. Das ist wieder typisch meine Mutter, naiv wie ein kleines Mädchen. Ich gebe es auf. ‚Soll sie doch in ihr Unglück rennen!‘, denke ich und verlasse das Haus.

Mark kommt mir entgegen gelaufen.

"Karen, was ist passiert? Wieso bist du nicht bei Lilian? Stimmt irgendwas nicht?", fragt auch er misstrauisch.

"Nein, nein, ist alles in Ordnung!", lüge ich, um ihn zu beruhigen. "Mama ist bei ihr, ich wollte nur schnell etwas Luft schnappen. Sie ist sehr anstrengend, ich hoffe das weißt du!" Er lächelt glücklich.

"Ja, manchmal ist sie eine kleine Diva, aber ich werde sie trotzdem immer lieben!", versichert er mir inbrünstig. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, also schweige ich.

"Gehen wir ein Stück spazieren?", fragt mich Mark. Ich nicke nur und folge ihm in die parkähnlichen Gartenanlagen, die zum Haus gehören.

Eine Weile laufen wir stumm nebeneinander her und ich merke, wie er sich sammelt.

"Du magst mich nicht, oder?", fragt er da auch schon. Ich bin total überrascht, denn ich weiß nicht, wie er darauf kommt.

"Ich mag dich sogar sehr, du bist ein fantastischer Mensch. Nein, man kann dich überhaupt gar nicht nicht mögen!", versichere ich ihm. Und das meine ich ehrlich. Mark ist, auf deutsch, stinkreich, Inhaber einer großen Werbeagentur, die er von seinem Vater geerbt hat, aber er hat ein großes Herz und steckt jährlich Millionen Euro in seine Dritte-Welt-Organisation. Insgesamt ist er ein wirklich liebenswerter Mann, aber leider mindestens genauso naiv wie meine Mutter. Sonst würde er nicht Lilian heiraten.

Nicht falsch verstehen, ich liebe Lilian über alles, schließlich ist sie meine kleine Schwester und wir hatten immer eine tolle Beziehung zueinander, aber sie ist das Musterbeispiel des verzogenen Nesthäkchens. Bei ihrer Geburt war ich immerhin schon 7 und unsere Mutter hat sich halb tot gefreut wieder so einen kleinen Wurm bemuttern zu können. Lilian hat zwar oft wesentlich mehr Aufmerksamkeit bekommen, als ich, aber ich hatte dafür umso mehr Freiraum, und das habe ich genossen. Mittlerweile rächt es sich allerdings, dass sie immer bekommen hat, was sie wollte, sonst würde sie nicht, ohne Liebe, einen stinkreichen Mann heiraten.

"Karen?", holt mich Mark aus meinen Gedanken.

"Äh... ja, was?"

"Lilian möchte mit dir reden!", er deutet auf sein Handy. "Noch vor der Trauung, du sollst zu ihr kommen."

"Okay, ciao, Mark, bis nachher!", verabschiede ich mich von ihm und laufe zurück zum Haus.

"Da bist du ja endlich!", ruft meine Mutter, als sie mich sieht. "Lilian wartet schon, sie will unbedingt mit dir sprechen!"

"Jaja, ich bin ja schon da", murmele ich nur und öffne die Tür zu Lilians Zimmer. Mir bleibt beinahe die Luft weg. Sie sieht wunderschön aus. Ein bisschen wie eine Diva aus den 20ern, aber in ihren Augen sieht man noch das kleine Mädchen. Die dunklen Haare und die Porzellanhaut sehen zu dem weißen Kleid fantastisch aus. Wie im Märchen.

Als ich mich wieder gesammelt habe, beginnt Lilian zu reden.

"Ich liebe Mark! Ich weiß nicht, warum du denkst, dass ich das nicht tue, aber es stimmt. Er ist die Liebe meines Lebens. Ich verspreche dir, dass ich niemals jemanden heiraten würde, den ich nicht liebe. Du kennst mich doch, Karen, du weißt, dass ich nicht so bin!", sagt sie und hebt drei Schwurfinger in die Luft. Ich sehe sie nur an.

"Was ist? Du guckst so komisch!"

"Ach nichts... du siehst fabelhaft aus. Einfach atemberaubend."

"Ja, nicht wahr!", freut sie sich. "Das Kleid ist von Vera Wang, fantastisch!" Und da weiß ich, dass sie lügt.

23.7.06 14:07, kommentieren

Wer "brauchen" ohne "zu" gebraucht, ist selbst ein Schwein

"Wer "brauchen" ohne "zu" gebraucht, braucht "brauchen" gar nicht zu gebrauchen." Gilt das noch? Ja. Hält sich da noch jemand dran? Nein. Nicht einmal Lehrer halten es noch für wichtig die deutsche Sprache korrekt zu benutzen, um die Schüler zu deren Erhaltung zu animieren. Es fällt ohnehin niemandem mehr auf, ob man jetzt "brauchen" mit "zu" benutzt oder nicht. Wen interessiert’s?

Aber wenn "zu" schon in einem Zusammenhang fast vollständig eliminiert wurde, wer kann dann versichern, dass sich die Vernichtung dieses Wortes nicht unaufhaltsam weiter fortsetzt? Vielleicht werden von nun an die Schüler gegen Lehrer sammenhalten und wir unseren Kaffee schwarz mit zwei Stück Cker trinken. Jeder wird in Konkurrenz mit den Tischlern treten, da keiner mehr die Tür zumacht, aber alle behaupten sie zu machen!

Stück für Stück zerfällt die deutsche Sprache und "zu", auch wenn es nur ein kleines Wort ist, steht doch symbolisch dafür, dass sich keiner mehr dafür interessiert, wie man spricht. Ob nun mit oder ohne "zu" ist egal. Es weiß ja eh jeder, was gemeint ist. Und wenn es doch jemandem auffällt, dass "zu" fehlt, wird er sich hüten andere darauf hinzuweisen. Denn Klugscheißer will ja keiner sein! Nicht mal die Lehrer.

1 Kommentar 23.7.06 14:03, kommentieren

..weil wir sind dumm!

Deutsche Sprache – schwere Sprache. Das wissen wir spätestens seit "Ich habe fertig!" aber, dass sie so schwer sein soll, kann man sich kaum vorstellen. Nehmen wir mal die süße kleine NEBENSATZkonjunktion "weil". Sie leitet einen Nebensatz ein, daher der Name. Ein Nebensatz zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass das Prädikat am Schluss steht.

Das ist doch nicht soo schwer, denkt man sich da, aber vergiss es. Denn es IST ganz offensichtlich sehr schwer, ansonsten wäre es ja wohl kaum möglich, dass mindestens 95% der deutschsprachigen Bürger, dieses Wort als Hauptsatzkonjunktion verwenden. Entweder dieses ist wieder eine von den vielen Redewendungen, die dem Englischen entlehnt wurden, wie zum Beispielt das allseits Beliebte "Ich erinnere das!" oder "nicht wirklich". Oder "weil" soll "denn" ersetzen, denn (!!!) eben jenen Platz nimmt es immer wieder, ungerechtfertigter Weise, ein.

Vielleicht sind wir auch einfach alle zu faul um darüber nachzudenken, wie wir eigentlich reden und müssen uns jetzt schon auf weitere Vergewaltigungen von Nebensatzkonjunktionen und ähnlichem einstellen, wie zum Beispiel "obwohl". Der ursprüngliche Satz mag lauten: "Ich verließ das Haus, obwohl es draußen wie aus Kübeln goss." Daraus könnte werden: "Ich verließ das Haus, obwohl es goss draußen wie aus Kübeln." "Klingt merkwürdig", denkt man sich da oder: "So redet doch niemand!" Aber offensichtlich doch! Ansonsten müssten Wörter wie "weil" nicht so leiden und die deutsche Sprache sich nicht immer weiter dem Englischen angleichen, wie es leider mehr und mehr der Fall ist.

23.7.06 14:01, kommentieren